Predigt über Markus 8,22-26 am  12. Sonntag, nach Trinitatis, den 2. September 2001 in Escherode und Nieste

Predigttext: Jesus und seine Jünger kamen nach Beth Saida. Man brachte ihn zu einem Blinden und bat ihn, damit er ihn berührte. Jesus nahm die Hand des Blinden und brachte ihn vor das Dorf hinaus. Er tat Speichel in seine Augen, legte die Hände auf und fragte ihn: „Was siehst du?“ Der Mann sah auf und antwortete: „Ich sehe Menschen, weil ich  sehe, als ob Bäume herumgehen.“ Darauf legte Jesus wieder die Hände auf seine Augen. Da sah er ganz deutlich und war wieder gesund. Alles konnte er ganz scharf sehen. Jesus schickte ihn in sein Haus und sagte ihm: „Kehr nicht in das Dorf zurück!“

Vor einigen Jahren ging ich vor einer längeren Reise mit dem Flugzeug in einen Buchladen, um mir etwas leichtere Lektüre zu kaufen. In der Buchhandlung lagen stapelweise die dicken Wälzer eines Bestsellers. Nach den Büchern DIE KLINIK, DER MEDICUS und DER SCHAMANE des amerikanischen Schriftstellers Noah Gordon war seinerzeit das Buch DIE ERBEN DES MEDICUS erschienen. Ich habe es mir gekauft und während des Fluges gelesen. Dabei kam mir in den Sinn, wie doch mit Krankheiten und Heilungen doch gut Geld gemacht werden kann. Da ist dieser populäre Schriftsteller, der immer wieder sein Gemisch von Kliniktratsch, Sex und Abenteuer zusammenbraut. Da ist die Regenbogenpresse oder das Glitzerfernsehen, welche mit tatsächlichen oder erfundenen Krankheiten und Wunderheilungen ihr Geld zu machen suchen. Es scheint sich ja auch zu lohnen! Krankheiten und spektakuläre Heilungen verkaufen sich immer gut. 

Um so erstaunlicher ist es, wie trocken und zurückhaltend unser Predigttext von den Heilungen Jesu erzählt. Immer wieder hat es Jesus verboten, von seinen Heilungswundern zu erzählen. Ähnlich ist es auch hier: Hier führt er den Blinden vor dessen Dorf und rät ihm anschließend, nicht wieder zurückzukehren. Ein moderner Wunderheiler und Geschäftemacher würde doch ganz anders handeln. Er würde doch den geheilten Patienten benutzen, um möglichst viel Publicity zu erreichen, um dann ordentlich Geld zu verdienen. Doch hier erleben wir eine erstaunliche Zurückhaltung Jesu: Nein, dabei könnte er doch wunderbar Mission betreiben durch seine Heilungen. Doch aus das will er nicht! 

Es geht also auch bei dieser Geschichte nicht um ein spektakuläres Ereignis, sondern um etwas ganz anderes. Die vielen Wunder, von welchen die Evangelien berichten, sind gewissermaßen Nebenprodukte eines größeren Geschehens. Gott kommt zu den Menschen, Gott sendet seinen Sohn in diese Welt. Wo Gott in der Nähe ist und wirkt, bleiben Wunder nicht aus, doch sie sind nicht die Hauptsache. Die wichtigste Botschaft im Evangelium ist diese, dass Gottes Sohn am Kreuz stirbt wie ein Opferlamm, ein Sündenbock, das die Schuld der Welt auf sich geladen hat. Seine Auferweckung von den Toten übertrifft alle Wundertaten zuvor und danach!

Deshalb ist für mich die wichtigste Aktion Jesu in dieser Geschichte diese: Jesus nimmt diesen blinden Menschen an die Hand! So war auch der Wunsch der Leute, dass Jesus ihn berühren möge. Den gleichen Wunsch haben wenig später auch die Mütter von kleinen Kindern. Auch sie wollen, dass Jesus ihre Kinder berührt und sie segnet. Sie wagen es, den großen Meister zu stören, obwohl das den Jüngern passt. Und Jesus wendet sich den Kindern zu; er umarmt sie, und er segnet sie. 

In diesen Berührungen Jesu mit den Kindern und dem blinden Mann sehe ich eine besondere Symbolik. Da gehen Jesus und der Blinde Hand in Hand aus dem Dorf hinaus. Szenen aus meiner Kindheit fallen mir ein, als mich noch Vater oder Mutter an der Hand nahmen. Da findet doch etwas statt, wenn wir einander unsere Hände ergreifen. Eltern geben ihren Kindern Halt, Schutz und Geborgenheit. Verliebte bringen einander ihre Verbundenheit zum Ausdruck. Wo zwei einander die Hände halten, ist nichts mehr dazwischen. So ist also nichts, was die Verbundenheit zwischen Jesus und diesem Blinden stören könnte.

Der Blinde lässt sich von Jesus an die Hand nehmen und führen. Das ist gar nicht so leicht für einen blinden Menschen, sich von einem Fremden führen zu lassen. Ich habe vor fast 30 Jahren in einem Blindenheim gearbeitet. Ich weiß noch, wie merkwürdig mir zumute war, als ich dort während einer Übung für die Mitarbeiter mir die Augen hatte verbinden lassen und nun über verschiedene Treppen durch das Gebäude geführt wurde. Man ist dem führenden Menschen so richtig ausgeliefert. Der Blinde geht mit Jesus; er lässt sich von ihm führen, weil er Vertrauen hat. Sicherlich ist da auch die Hoffnung auf Heilung und Besserung. Jedenfalls ergreift er die Hand Jesu in gleichen Moment als er sie spürt. 

Das Evangelium will nun auch uns heute zum gleichen Vertrauen einladen. Was unsere Zukunft betrifft, sind wir alle blind. Keiner von uns weiß, was der morgige Tag uns bringen wird. Was unsere Gegenwart angeht, so sind wir allenfalls kurzsichtig. Vieles sehen wir nur unklar und verschwommen. Wir können längst nicht alles erklären, was um uns herum und mit uns geschieht. Da ist es gut, die ausgestreckte Hand Gottes zu ergreifen und sich durch das Leben führen zu lassen.

Jesus reicht auch uns heute seine Hand! Wenn wir in Nöten sind, will er uns seine Hand reichen und uns weiterführen. Wenn wir nicht wissen, wo es langgehen soll, da will er uns an die Hand nehmen und zu einem guten Ziel bringen. Im Choral wird es wunderschön zum Ausdruck gebracht:

VON GOTT WILL ICH NICHT LASSEN,
DENN ER LÄSST NICHT VON MIR, 
FÜHRT MICH DURCH ALLE STRASSEN,
DA ICH SONST IRRTE SEHR.
ER REICHT MIR SEINE HAND;
DEN ABEND UND DEN MORGEN
TUT ER MICH WOHL VERSORGEN
 WO ICH AUCH SEI IM LAND.

Draußen auf dem Feld angekommen, sind Jesus und Blinde anscheinend allein. Man müsste meinen, dass doch alles gleich klappt, wenn Jesus einen Menschen heilt, doch merkwürdigerweise ist es nicht so. Der erste Heilungsversuch gelingt nur halbwegs. Der Blinde kann zwar etwas erkennen, doch er sieht alles noch sehr verschwommen. Erst nach dem zweiten Heilungsversuch sieht er klar und deutlich. Auch hier vermute ich eine verborgene Botschaft des Evangelisten: Wer sich auf Christus einlässt, der braucht Vertrauen und auch Geduld. Für die Christen ist das Leben nicht einfacher. Auch Christen müssen mit den Schwierigkeiten des Alltags fertig werden. Auch Christen werden von Not, Krankheit und Tod getroffen. Manchmal braucht eine Heilung ihre Zeit, eben ihren Heilungsprozess. Manchmal brauchen auch Wunder ihre Zeit, dass sich dann wieder alles zum besten kehrt. Unsere Erzählung aus der Bibel erinnert uns, dass Christus uns an die Hand genommen hat. Sie will uns trösten. Wir sollen wissen, dass bei Gott alles einmal zu einem guten Ende kommen soll: nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann. Die Geschichte von dieser zweistufigen Heilung will uns Mut machen, auch weiter zu warten und die Hand Jesu festzuhalten, damit man selbst bei allen Schwierigkeiten getragen und gehalten wird. Christus erspart uns ja die Schwierigkeiten des Lebens nicht, doch er führt uns mitten hindurch. Wenn wir den Lebensweg auch nicht wissen; er wird uns den richtigen Weg entlang führen zu einem guten Ziel.

Kanzelsegen  Amen
 

GANG DES GOTTESDIENSTES IN ESCHERODE UND NIESTE AM 2: September 2001

ORGELVORSPIEL

BEGRÜSSUNG 
WOCHENSPRUCH: 
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen,
und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.   Jes 42,3

ABKÜNDIGUNGEN: 

EG 334, 1-6: Danke für diesen guten Morgen

30. PSALM EG-NR.: 715

EHR` SEI DEM VATER ...
KYRIE
EHRE SEI GOTT IN DER HÖHE...
ALLEIN GOTT IN DER HÖH´ SEI EHR...
SEGENSGRUSS

KOLLEKTEN- ODER TAGESGEBET
Großer Gott, du machst Kranke gesund.
Wir danken dir und bitten dich: Heile auch uns an Leib und Seele! 
Gib uns deinen Geist, dass wir von dir reden, von deiner Hilfe und den Wundern, die du an uns Menschen tust! 

nur Escherode:
ALTTESTAMENTLICHE LESUNG: Jesaja 29,17-24 Der Herr wird sein Volk erlösen
HALLELUJA

nur Nieste: Taufliturgie und Taufhandlung

EG 289, 1+4 Nun lob, mein Seel, den Herren

EVANGELIUM: Markus 8,22-26 Die Heilung eines Blinden

GLAUBENSBEKENNTIS EG-NR. 804

EG 365, 1-4: Von Gott will ich nicht lassen

PREDIGT über Markus 8,22-26 Die Heilung eines Blinden

EG 365, 5-8: Von Gott will ich nicht lassen

FÜRBITTENGEBET
Gott, du machst heil, was zerbrochen ist. Du schenkst Leben, wo der Tod herrscht. Du schaffst Recht denen, die Unrecht leiden.
Nun bitten wir dich, Gott, unser Heiland: 
Hilf zum Leben in unserer Welt voller Tod. Schaffe Recht und hilf zum Frieden, wo Krieg und Gewalt alles zu beherrschen scheinen. Lass Hoffnung aufblühen, wo Verzweiflung alles zu bedrücken scheint. Schaffe dein Heil, wo das Unheil alles bedroht.
Schenke Gesundheit den Menschen, an die wir jetzt in der Stille denken: Gott, heile sie an Leib und Seele.
Hilf zum Leben in unserer Welt voller Tod. Heile du uns, Gott, dann werden wir heil, hilf du uns, so ist uns geholfen.

VATERUNSER

EG 361, 1+2: Befiehl du deine Wege

SENDUNG UND SEGEN

ORGELNACHSPIEL
 

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