| Predigt über Lukas 4, (14+15).16-21
am Silvesterabend 2002 (Predigttext vom Neujahrstag)
Kanzelgruß
Liebe Gemeinde!
In der Bibel lesen wir etwas anderes: Jesus verkündet da ein „Gnadenjahr des Herrn“, ein Jahr, in welchem alles gut wird. Was ist nun richtig: der Zeitungsartikel voll mit Fakten und wirtschaftlichen Daten oder das Wort der Bibel? Welche Prognose ist nun richtig? Mit Bibelworten hat im Ersten Weltkrieg der Feldherr Graf Moltke manche Schlacht verloren. Er hatte vorher immer die tägliche Bibellosung gelesen und daraus wie ein Horoskop den Ausgang seiner militärischen Aktionen heraus gelesen. Schlimmer kann man Gottes Wort nicht missbrauchen und in den Dreck ziehen. Da ist wohl doch ratsam, sich auf Fakten und Realitäten zu verlassen. Trotzdem möchte ich das Bibelwort vom Gnadenjahr des Herrn nicht so einfach zur Seite legen. Zunächst einmal: Wer redet da vom Gnadenjahr des Herrn? Für die Leute aus Nazareth ist das lediglich der Sohn Josefs, der Sohn eines Zimmermanns aus ihrer Stadt. War ganz nett, dass er nach längerer Wanderschaft sich zuhause blicken lässt. Es scheint ja etwas aus ihm geworden zu sein; viele Leute kommen von weit her, um ihn zu sehen.. Da sind wir schon mitten drin: Für die Leute, die Jesus sehen wollen und ihn wegen seiner Worte und Taten loben, ist er ein besonderer Mensch. Für die Bewohner von Nazareth ist er lediglich ein Handwerksbursche, der seinen Mund zu voll nimmt. Wer ist Jesus Christus für uns? Ein Handwerksbursche, ein Wanderprediger aus vergangenen Zeiten oder eben Gottes Sohn, der auch heute noch uns etwas Wichtiges zu sagen hat. „Schwarzes Jahr“ oder „Gnadenjahr des Herrn“ – muss das denn ein Widerspruch sein? Es sieht wohl so aus, als würden die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme noch gewaltig zunehmen. Ein Gnadenjahr wird nicht gleich die Arbeitslosigkeit senken, die Aktienkurse wieder steigen lassen und den Wohlstand mehren. Das hat Jesus bestimmt auch nicht gemeint. „Gnadenjahr des Herrn“ meint auch keine unbeschwerte, fröhliche Zukunft. Denn wer erfährt denn Gnade? Im Alten Testament erfahren hoch verschuldete Bauern und Schuldsklaven die Gnade eines Neuanfangs. Vor der Gnade war immer die Not von Verschuldung und Verelendung. Begnadigt wird bekanntlich nicht der brave Bürger, weil er keine Bestrafung erdulden muss. Gnade hat auch mit Heilung zu tun: wer nicht krank ist, der kann auch nicht geheilt werden! Wer nicht in Not ist, der braucht auch nicht bewahrt zu werden. Jedes Jahr und jede Zeit hat immer auch ihre Schwierigkeiten mit sich gebracht, aber jederzeit sind Menschen auch durch die Güte Gottes bewahrt worden. Bekanntlich lernt man aus Erfahrungen! Gerade Glaubenserfahrungen helfen, den Glauben wieder neu zu vertiefen! Wir haben im vergangenen Jahr Freud und Leid erfahren. Wenn wir das vergangene Jahr vor unseren inneren Augen Revue passieren lassen: Was war im Januar, was ist im Februar mit uns geschehen, was haben im März erlebt usw.? Von allem war etwas dabei. Hoffentlich entdecken wir bei unserem Rückblick auch, dass wir Gutes von Gott erfahren haben, wofür wir dankbar sein können. Hoffentlich entdecken wir auch, wie sehr wir in schwierigen Tagen von Gott auch getragen worden sind. Persönlich könnte ich laut klagen, dass ich vor zwei Jahren sehr krank war. Ich will aber auch bekennen, dass ich bewahrt und gehalten worden bin. Was wiegt für mich schwerer: das schlimme Erlebnis der Krankheit oder die gute Erfahrung von Bewahrung? Es hat mit meinem Glauben zu tun, welche Waagschale von höherem Gewicht ist, die des schlimmen Erlebens und der Bewahrung. Es lässt mich auch nicht los, dass ich bei einfachen und armen Menschen in Südamerika mehr Glaubensstärke erlebt habe als bei den lieben Deutschen, obwohl die Nöte und Schwierigkeiten dort unvorstellbar größer sind. Vor paar Tagen kam ein Neujahrsgruß mit dem schönen amerikanischen Sprichwort: „Der Optimist sieht eine Gelegenheit in jeder Schwierigkeit, der Pessimist eine Schwierigkeit in jeder Gelegenheit.“ Vieles hängt von unserer Sichtweise ab, ob wir das kommende Jahr als Schwarzes Jahr oder als Gnadenjahr erleben und erfahren. Nun ist nicht jeder Optimist ein glaubender Mensch, aber ein glaubender Mensch hofft und sucht auch in schwierigen Zeiten die Nähe Gottes. Wir wissen natürlich nicht, was uns das kommende Jahr an Freud und Leid bringen wird. Aber heute wird uns eine Tür geöffnet zu neuen Anfängen, zu neuer Hoffnung und auch zu neuem Glück. Das Wort von der Erlösung ist heute in Erfüllung gegangen! Es ist noch nicht solange her, dass wir die Weihnachtsbotschaft gehört haben: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Dieses „Heute“ findet immer statt. Es ist zeitlos und ewig! Deshalb endet und beginnt wieder neu ein Gnadenjahr des Herrn. Der Gute Hirte, Jesus Christus wird auch im Jahr 2003 mit uns sein und uns behüten. Kanzelsegen! Amen
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GANG DES GOTTESDIENSTES AM SILVESTERTAG 2002
IN ESCHERODE
ORGELVORSPIEL BEGRÜSSUNG
EG 58, 1-6: Nun lasst uns gehen und treten 121. PSALM EG-NR.: 749 GEBET
EVANGELIUM: Lukas 4, 16-21 EG 65, 1-4+7: Von guten Mächten PREDIGT über Lukas 4, 16-21 EG 365, 1-3+5: Von Gott will ich nicht lassen
Wir bitten dich für alle, die mit uns gehen, für unsere Angehörigen
und Freunde, für unsere Nachbarn, für die Menschen, mit denen
wir die Arbeit teilen.
Wir bitten dich für die Menschen, die Schweres zu bewältigen haben, die müde werden auf ihrem Weg, für die Mutlosen und Schwermütigen, für die Kranken und Sterbenden. Du hast Gedanken des Friedens und des Erbarmens über uns, Gott,
unser Vater.
VATERUNSER EG 376, 1-3: So nimm denn meine Hände SENDUNG UND SEGEN ORGELNACHSPIEL
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