Kanzelgruß
Liebe Gemeinde!
Ein kriegerisches Jahrhundert geht in wenigen Monaten zu ende. Wer
hätte es sich träumen lassen, daß im Jahre 1999 in Europa
Menschen verfolgt und abgeschlachtet und daß in Europa Städte
bombardiert werden. Die Realität ist schon düster. Auch in Deutschland
gibt Stadtteile, von denen man sich nach Einbruch der Dunkelheit besser
fernhält. In Israel und in verschiedenen Ländern Lateinamerikas
habe ich es erlebt, daß schwer bewaffnete Wächter Kaufhäuser,
Verwaltungsgebäude und Banken schützen. Werden wir das auch in
Deutschland erleben, daß man beim Betreten einer Bank die Taschen
öffnen und vorzeigen muß und durch einen Metalldetektor gehen
muß?
Die Gewalt ist nicht fern und sie scheint immer wieder neue Triumphe
zu feiern.
Wie geht man damit um? Im Mittelalter gab es um jede Stadt eine Stadtmauer mit Türmen und Befestigungen. In Israel, in den USA, in Lateinamerika gibt heute wieder Siedlungen, umgeben von Mauern oder Zäunen, Videokameras und Befestigungen. Der Gewalt ist man nicht Herr geworden. Man ruft nach strengen Gesetzen, gar nach der Todesstrafe. Gerade Länder mit der Todesstrafe haben höchste Verbrechensquoten.
Alle diese Maßnahmen, alles Rufen nach strengen Gesetzen: sind sie nicht ein Zeichen von Resignation. Ein Tier, das keinen Ausweg mehr weiß, beißt zu. Eine Politik, die keine Lösung weißt, führt Krieg. Doch das Übel der Gewalt und des Hasses bleibt!
In dunklen Zeiten, wo alles drunter und drüber ging, hat der Prophet Jesaja diese wunderbare Vision gehabt. Ein Krieg folgte dem nächsten. Die Korruption hatte überhand genommen. Immer wieder gab es Überfälle und Gewaltakte. Nirgends war man seines Lebens mehr sicher. Es war eine dunkle und düstere Zeit. Es soll nicht dunkel bleiben. Jesaja schreibt:
Predigttext: Diese Vision schaute Jesaja, der Sohn des Amoz, über
Juda und Jerusalem: Am Ende der Tage wird der Berg, auf dem das Hauses
des HERRN steht, ewig bestehen. Dieser Berg wird der wichtigste aller Berge
sein. Alle Höhen wird er überragen. Zu ihm werden alle Menschen
hinströmen. Viele Völker werden sich aufmachen: „Kommt! Laßt
uns auf den Berg des HERRN, zum Haus des Gottes Jakobs, steigen. Er wird
uns seine Wege lehren und wir werden auf seinen Pfaden gehen.
Denn aus Zion wird Weisung ergehen und das Wort des HERRN aus Jerusalem!
Er wird zwischen den Menschen den Streit schlichten, und vielen Völkern
wird er Recht verschaffen. Dann werden sie ihre Schwerter in Stücke
schlagen und Spaten daraus machen. Ihre Speere werden sie zu Winzermessern
schmieden. Kein Mensch wird gegen den anderen Menschen sein Schwert erheben.
Die Menschen werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
Du Haus Jakob: Komm und wandle im Licht des HERRN!
Liebe Gemeinde: auf dem ersten Blick ein schöner Traum! Trotzdem packt diese Vision das Problem der Gewalt an den Wurzeln. Welche sind die Wurzeln des Übels?
Menschen leben und handeln ohne Gesetze. Dabei gibt es in allen Ländern
vielleicht zu viele Gesetze, Bestimmungen und Paragraphen. Aber wo Gesetze
sind, da ist auch der Wille, sie zu umgehen oder gar zu brechen. Viele
wollen eben nicht mit den Gesetzen leben. Die Gesetze sind höchstens
ein notwendiges Übel. Es gibt ja auch viele schlechte Gesetze.
Jesaja will die Menschen einladen, nach der Weisung des HERRN und nach
dem Gesetz Gottes zu leben. Das will gelernt sein. Der Wille des HERRN
will gekannt und getan werden. Erst dann gibt es Frieden! Erst dann gibt
es Sicherheit!
Das klingt irgendwie naiv! Ich weiß aber keinen anderen Schlüssel
zum Frieden. Solange Menschen meinen, zu kurz zu kommen, wird es Zank und
Streit geben. Solange Völker glauben, benachteiligt zu werden, wird
es Spannungen und Kriege geben. Solange die Leute ihr Recht in die eigene
Hand nehmen, wird es Unrecht geben. Solange die Reichen und Wohlhabenden
ohne nachzudenken auf ihren Geldsäcken sitzenbleiben, wird es Neid,
Mißgunst und Gewalt geben. Der Friede auf Erden ist solange unerreicht,
solange wir Menschen meinen, ohne Gott leben zu können.
Erinnern wir uns: Menschen wollen so sein wie Gott. Es nehmen die Frucht der Erkenntnis. Sie wissen, was gut und was böse ist. Doch die Menschen verlieren ihr Paradies und sind der Gewalt ausgeliefert. Schnell ist es soweit, daß ein Bruder den Bruder erschlägt. Sie kennen ja die Geschichte von Adam und Eva, von Kain und Abel.
Der Friede ist ein paradiesischer Zustand! Die Menschen haben das Paradies verloren, weil sie nicht Gottes Willen tun wollten. Die Menschen können das Paradies wiedergewinnen, wenn sie den Willen tun. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, um die Gewalt zu überwinden und den Frieden zu erhalten.
Der große Bürgerrechtler Mahatma Gandhi hat einmal gesagt: „Es gibt keinen Weg zum Frieden! Der Friede ist der Weg!“ Gandhi war ein sehr frommer Hindu. Er hat sehr gut gewußt, daß man im Glaube die Kraft zum Frieden gewinnen kann. Mahatma Gandhi hat auch sehr gut die Bibel gekannt.
In der Bibel finden wir Wege des Friedens. In der Bibel lernen wir den Willen Gottes. In seiner Bergpredigt lehrt Jesus uns die Feindesliebe. In der Bergpredigt finden wir noch andere Gebote, die genauso wichtig sind zum Frieden. In seiner Bergpredigt lehrt Jesus uns, den ganzen Willen Gottes zu tun. Er lehrt uns das Gebet! Er lehrt uns das Vertrauen! Er lehrt uns die Versöhnung! Alles, was Jesus lehrt, das hat er uns beispielhaft vorgelebt! Deshalb sind wir Menschen dem Frieden näher gekommen!
Jesus hat uns den Geist der Erkenntnis, den Geist der Liebe und den Geist des Friedens gegeben. Der Heilige Geist lehrt es uns, den Willen Gottes zu tun. Wer in seinem Leben das Wesentliche erkannt hat, kämpft nicht um unwesentliche Dinge! Wer in der Liebe lebt, der braucht nicht neidvoll für seine scheinbaren Rechte zu streiten. Wer den Geist des Friedens hat, der kann auch zufrieden sein.
Aber sind das nicht alles schöne Worte! Die meisten Menschen scheren sich doch einen Dreck um den Willen Gottes! Gewaltbereitschaft und Streitsucht nehmen immer mehr zu. Wir Christen sollen doch bloß nicht glauben, als lebten wir auf einer Insel der Seligen. Wir müssen doch die Realität nehmen, wie sie ist.
Noch immer ist die Vision des Jesajas ein unerreichbares Ziel. Trotzdem sollten wir es wagen, diesem Ziel entgegen zu streben. Die Pflanze, die im dunklen Erdreich dem Licht entgegenwächst, wird niemals die Sonne erreichen. Und doch strebt die Blume der Sonne entgegen.
Von Freunden weiß ich, daß sie sich fast zehn Jahre
lang in der Nicolaikirche zu Leipzig montags zum Friedensgebet getroffen
haben. Ihr Motiv war diese Hoffnung, daß Schwerter zu Pflugscharen
geschmiedet werden. Meistens waren es nur eine Handvoll von Christen. Im
Oktober 1989 waren es Hunderttausende, die sich zum Friedensgebet montags
trafen. Einen Monat später fiel die Mauer. Ein Historiker wird sicher
andere Gründe für den Fall der Mauer suchen, aber ich glaube
doch, daß diese Friedensgebete entscheidend zur Wende in der damaligen
DDR beigetragen haben. Es lohnt sich, zu hoffen und zu Gott zu kommen!
„Komm und wandle im Licht des HERRN!“
Kanzelsegen! Amen