Predigt über Jeremia 9, 22-23 in Verbindung mit EG 324: „Ich singe dir mit Herz und Mund“ am Sonntag Septuagesimae, dem 12. Februar 2006 in Escherode und Nieste
Predigttext: „So spricht der HERR: Der Intellektuelle rühme sich nicht seiner Klugheit.  Der Mächtige rühme sich nicht seiner Stärke. Der Reiche rühme sich seines Reichtums. Vielmehr: Wenn einer sich rühmt, dann rühme er sich dessen, dass er Einsicht hat und die Zeichen erkennt: ‚Ich, der HERR, bin es, der Gnade, Recht und Gerechtigkeit im Lande schafft, denn dar-an habe ich Gefallen!‘, spricht der HERR!“

Liebe Gemeinde!
Vor einigen Jahren habe ich von einem erfolgreichen Manager erzählt, mit beispielloser Karriere und einem vorbildhaften Familienleben. Er wurde geachtet von seinen Freunden, gefürch-tet von seinen Gegner und Konkurrenten. Alles glückte ihm, alles schien er völlig im Griff zu haben. Er konnte wirklich stolz auf sich sein.
Eines Abends war es nach einer Cocktailparty spät geworden, bis er nachhause kam. Er hatte dabei wohl etwas zu viel getrunken. Am nächsten Morgen hatte sein Fahrer frei, seine Frau musste sich um den kranken Sohn kümmern, und so musste er selbst seine Tochter in die Schule fahren. Auf diesem Weg zur Schule verursachte er einen schweren Verkehrsunfall, bei dem seine Tochter schwer verletzt wurde. Ihr linkes Bein musste amputiert werden. Wochenlang schwebte sie zwischen Leben und Tod. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er die Situation nicht mehr im Griff! Die traurigen Blicke seiner Tochter, die abweisende Zurückhaltung seiner Frau konnte er nicht ertragen. Er begann übermäßig zu trinken und ließ sich immer mehr gehen.
Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf seine Arbeit. Eines Tages wurde er zu Konzernchef gerufen. Dieser teilte ihm mit, dass er eigentlich für den Betrieb nicht mehr tragbar sei. Die Kündigung sei eigentlich eine beschlossene Sache. Er selbst, der Konzernchef, habe sich dafür verwandt, ihm noch einmal eine letzte Chance zu geben. Er solle in einer Klinik noch heute eine Therapie beginnen. Er sagte: „Entweder sie fahren noch heute dorthin, oder wir müssen uns sofort von Ihnen trennen!“
So kam es, dass sich unser einst so erfolgreicher Mann in der Klinik wiederfand, zusammen mit solchen Versagern, die er immer verachtet hatte: mit Alkoholikern, Drogenabhängigen, Tablet-tensüchtigen und anderen Menschen mit schweren Problemen. Nun musste er selbst mühsam begreifen, dass er selbst versagt hatte. Er lernte, dass er selbst eigentlich ein schwacher Mensch war. Er lernte, seine eigene Schwächen und Fehler zu akzeptieren. Er verstand es nun, auch die Schicksale und Schwächen seiner Mitmenschen anzuerkennen. Er begriff, dass es im Leben wichtigeres gibt als Erfolge, Karriere und Reichtum.
Mit Gottes Hilfe wurde unser Manager ein neuer Mensch. Er fand den Weg in seine Familie zurück. In der Firma nutzte er die neue Chance, die man ihm geboten hatte. Er konnte nun zu-hören, er konnte Güte vermitteln und fand auch mehr Verständnis für seine Mitarbeiter, wenn sie ihre Schwierigkeiten hatten. Die Erfolge stellten sich wieder ein, doch unser Mann war nun ganz bescheiden geworden.
Es gibt Dinge im Leben, die man eben nicht im Griff hat! Um so härter ist es, wenn ein Schick-salsschlag einen Menschen aus seiner scheinbar sicheren Bahn wirft. Menschliche Klugheit, Stärke und Wohlstand sind ganz einfach ein zu schwaches Fundament, um ein Leben darauf aufzubauen.

„Was sind wir doch, was haben wir?“ Diese Frage findet sich in unserem Gesangbuch. „Was haben wir?“ Wir haben ein Dach über dem Kopf, wir haben zu essen und zu trinken, wir haben Kleidung. Das ist für Menschen aus armen Ländern schon sehr viel, wir hätten aber gern mehr: das große Haus, die bessere Wohnausstattung, das schnellere Auto, den leistungsfähigeren Computer, den moderneren Fernseher. Dazu bitteschön das Geld, um möglichst weite Reisen zu machen. Sind aber mehr, wenn wir mehr haben und besitzen?
Was sind wir? Wir sind Menschen. Nackt und hilflos werden wir geboren – hilflos müssen wir einmal sterben. So sehen unser Anfang und Ende aus. Da wird alles andere irgendwie doch un-wichtig, ob wir reich oder arm, erfolgreich oder erfolglos sind, hochangesehen oder unschein-bar. „Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ (1. Mose 3,19) Mitnehmen können wir nichts auf unserer allerletzten Reise.
„Was sind wir doch, was haben wir?“ Eigentlich ist es keine Frage, sondern eine Feststellung. Es geht ja noch weiter: „Was sind wir doch, was haben wir – auf dieser ganzen Erd, das uns, o Vater nicht von dir allein gegeben wird?“ Was wir geworden sind und was wir gutes haben, kommt von Gott allein. Er macht uns zu dem, was wir sind, er allein gibt uns die Lebens Mittel, die Mittel zum Leben. Er ist „der Brunn der Gnad und ewge Quelle“..,  „daraus uns allen früh und spat, viel Heil und gutes fließt.“

Natürlich gibt es Menschen, die klüger sind, erfolgreicher und die auch mehr auf die Beine ge-stellt haben als andere. Sie haben mehr an Begabungen aufzuweisen als andere Leute. Be-gabungen sind indessen Gaben, Gaben wiederum bedeuten auch Aufgaben, die es zu erfüllen heißt.

„Was sind wir doch, was haben wir?“ Was wir sind und was wir haben, verdanken wir Gott allein. Daher kann die Antwort nur unser Dank an Gott sein, der für uns sorgt, der uns behütet und der Gnade, Recht und Gerechtigkeit im Lande schafft.

Im Jahre 399 vor Christus stand in Athen ein großer Mann vor Gericht. In seiner Verteidigungs-rede sagte er: „Ich weiß, dass ich nicht weiß!“ Sokrates hatte immer wieder darauf hingewie-sen, dass unser menschliches Wissen begrenzt ist und begrenzt sein muss. Wir alle haben auch unsere Grenzen und sollten sie auch kennen. Wir sind und bleiben schwache Menschen! Wenn wir das begriffen haben, fällt uns leichter, bei  unserer Unzulänglichkeit von der Gnade Gottes zu leben! Wir leben dann ganz anders mit unserer eigenen Schuld und mit unserem eigenen Versagen. Der Glaube an die Gnade Gottes führt uns weiter zur Nächstenliebe: Wir haben dann auch mehr Verständnis für unsere Mitmenschen. Gott schaft uns allen Gnade, Recht und Gerechtigkeit. Wir brauchen nicht dafür zu sorgen, dass wir unser gutes Recht bekommen, sondern wir können auch Recht geben. Unsere Schöpfung, unser Land,  unsere Mitmenschen: alle sollen zu ihrem Recht kommen; doch allen Recht schaffen, kann nur Gott allein! Wir aber können allenthalben nur  seine Werkzeuge sein.

Kanzelsegen! Amen



GANG DES GOTTESDIENSTES IN ESCHERODE UND NIESTE AM 12. Februar 2006

ORGELVORSPIEL
BEGRÜSSUNG
WOCHENSPRUCH: Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.   Dan 9,18

EG 447, 1-3+6-7: Lobet den Herren

31. PSALM EG-NR.: 716
EHR` SEI DEM VATER ..
KYRIE
EHRE SEI GOTT IN DER HÖHE
ALLEIN GOTT IN DER HÖH´ SEI EHR..
SEGENSGRUSS

TAGESGEBET
Herr Gott, himmlischer Vater, wir können mit dem, was wir tun, vor dir nicht bestehen. Hilf, daß wir uns allein auf deine Gnade verlassen und alles, was uns belastet und niederdrückt, durch deine Hilfe überwinden. Durch Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

ALTTESTAMENTLICHE LESUNG: Jeremia 9,22-23 Das rechte Rühmen
HALLELUJA

EG 409, 1-6: Gott liebt diese Welt

EVANGELIUM: Matthäus 20,1-16a Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg

GLAUBENSBEKENNTIS

EG 324, 1-3+6-7: Ich singe dir mit Herz und Mund

PREDIGT über Jeremia 9,22-23 Das rechte Rühmen

EG 324, 12-18: Ich singe dir mit Herz und Mund

FÜRBITTENGEBET
Wir leben allein von deiner Liebe, du Gott und Heiland.
Wir teilen die Menschen ein
in solche, die viel, und solche, die wenig leisten, in solche, die mehr, und solche, die weniger taugen.
Durchkreuze unsere Einteilungen und laß uns danach fragen,
wer Zuwendung und Güte braucht.
Wir leben allein von deiner Liebe, du Gott und Heiland.
Wir berechnen, was wir verdient haben an Zuwendung und Wohlergehen, was uns geschuldet wird an Anerkennung und Verständnis, wie oft wir zu kurz kommen im Vergleich zu anderen.
Mach einen Strich durch unsere Rechnungen
und laß uns erkennen:
Wir leben allein von deiner Liebe, du Gott und Heiland.
Unsere Rangordnungen überwinde,damit unser Herz sich auch für den Letzten öffne.
Und wenn wir von der Höhe unserer Selbstüberschätzung herabstürzen,fange uns auf mit deiner Güte.
Dann sind wir erlöst,
weil wir nicht mehr beweisen müssen,wie stark und bedeutend wir sind.
Wir sind erlöst,weil wir Frieden machen können mit unserer Schwachheit.
Denn deine Barmherzigkeit schenkt uns Flügel, denn wir leben allein von deiner Liebe, du Gott und Heiland.

Stille Zeit
VATERUNSER
EG 352, 1+4: Alles ist an Gottes Segen
ABKÜNDIGUNGEN
 
SENDUNG UND SEGEN
ORGELNACHSPIEL

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