Predigt über Hesekiel (Ezechiel) 33, 10-16 am 5. Sonntag nach Epiphanias, den 6. Februar 2000 in Nienhagen, Escherode und Nieste
Kanzelgruß
Predigttext: Du, Mensch, sprich zum Haus Israel: „Ihr habt so gesprochen: ‚Unsere Verfehlungen und Sünden lasten auf uns. In ihnen vergehen wir. Wie werden wir da noch leben?‘“  Sage zu ihnen: „‚So wahr ich lebe!‘, spricht Gott, der HERR. ‚Sollte mir etwa der Tod des Verbrechers gefallen? Vielmehr will ich, dass der Verbrecher sich von seiner Verbrecherlaufbahn abwendet und am Leben bleibt. Haltet doch ein! Kehrt doch um von euren bösen Wegen! Warum wollt ihr denn bloß sterben, Haus Israel?‘
Du, Mensch, sprich zu den Leuten aus deinem Volk: ‚Die Gerechtigkeit nutzt dem Gerechten nicht mehr ab dem Tag, an dem er das Gesetz bricht. Die Boshaftigkeit wird den Bösen von dem Tag an nicht mehr vernichten, an dem er sich von seiner Bosheit abwendet. Der Gerechte wird auch aufgrund seiner Gerechtigkeit nicht am Tag seiner Schuld leben können.
Selbst wenn ich dem Gerechten versprochen hatte: ‚Er soll immer leben!‘ und dieser sich durch die Gerechtigkeit geschützt glaubt und Unrecht tut, so soll seine ganze Gerechtigkeit vergessen sein. Vielmehr soll er wegen seines Unrechts, das er getan hat, sterben!
Selbst wenn ich den Verbrecher verurteilt hatte: ‚Du sollst einen schlimmen Tod sterben!‘ und dieser von seinem bösen Tun umkehrt und Recht und Gerechtigkeit tut, das erpresste Gut zurückgibt, das geraubten Eigentum ersetzt und die Lebensregeln beachtet ohne Unrecht zu tun, soll er immer leben und nicht sterben. Seine ganze Schuld, die er schuldig geworden ist, soll vergessen sein.

Liebe Gemeinde!
Da hatten wir neulich in einer Stammtischrunde ein interessantes Gespräch. „Was passiert, wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr zur Wahl geht? Werden dann die undemokratischen Parteien nicht ihren Stimmanteil verdoppeln? Werden wir dann nicht eine neue Weimarer Republik mit einer schwachen Demokratie erleben?“ Einer der Gesprächsteilnehmer warf ein: „Ja, einen Österreicher hatten wir ja schon als ‚großen Führer‘. Der nächste österreichische Verführer wartet ja schon an unserer Grenze.“
Nun muss ja das, was so an Stammtischen geredet wird, nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss sein. Wir müssen aber feststellen, dass wir in einer mehrfachen Krise stecken: aus einer Krise der fehlenden Normen und Werte ist nun eine politische Krise der Demokratie geworden. Die Skandale haben sich gehäuft, die politischen Hirten haben sich zu sehr selbst geweidet, statt ihrem Volk fleißig und vor allem bescheiden zu dienen.
In unserem Predigttext wird ja sehr genau der eine Fall beschrieben, wie wir ihn gerade erlebt haben. Ein verdienstvoller Staatsmann verstrickt sich in dunkle Affären. Seine Verdienste um die Wiedervereinigung zählen nicht mehr; manche Leute stempeln ihn sogar zum Verbrecher. Solange seine Schuld nicht bewiesen ist, dürfen wir ihn nicht verdammen. Es ist aber bemerkenswert, wie brandaktuell ein altes Bibelwort sein kann: ‚Die Gerechtigkeit nutzt dem Gerechten nicht mehr ab dem Tag, an dem er das Gesetz bricht.‘

Wir haben in diesen Wochen und Monaten viel Grund, um entsetzt über die politischen Umstände zu sein. Wir haben ein Recht darauf, unserer Enttäuschung über korrupte Politiker und Amtsträger zum Ausdruck zu bringen. Wir machen aber einen großen Fehler, wenn wir nur auf „die Leute da oben“ schimpfen und über uns selbst uns keine Gedanken machen. Es geht doch nicht nur um eine Politikerkaste, die sich von der Bevölkerung weit entfernt hat. Es geht auch um uns selbst. Wie steht es mit unserer eigenen Gerechtigkeit? Gott hat uns viele gute Lebensregeln gegeben! Welche Bedeutung haben sie denn für uns selbst, die Lebensregeln Gottes?

Im Kindergottesdienst haben die Kinder ein Legohaus gebaut. Dann haben sie das Legohaus in einer größere Waschschüssel mit Sand aufgestellt. Dann wurde aus einer Gießkanne Wasser hinübergegossen: das Haus fiel um! Dann haben sie in eine andere Waschschüssel mit Steinen ein anderes Legohaus gestellt. Dann wurde aus einer Gießkanne Wasser hinübergegossen: das Haus blieb stehen. So wurde den Kindern das berühmte Bildwort vermittelt, welches Jesus zum Schluss seiner Bergpredigt. Wer die Worte, wer die Worte Gottes hört, ist wie ein Mensch, der sein Haus auf guten Fundament baut. Einem solchen Haus können die Stürme nicht schaden.

Welche sind unsere Fundamente? Ist es der Wohlstand? Doch wird uns der Wohlstand vor Krankheit, Tod und Trauer bewahren? Wird uns der Wohlstand tragen, wenn uns die Stürme des Lebens anwehen und uns Leid und Sorgen bringen? Oder ist unsere Ausbildung in Studium oder im Beruf unser Fundament? Wie leicht wird aber einem die gute Ausbildung zur Einbildung, wenn man nicht mehr auf dem neuesten Stand und durch einen jüngeren Kollegen verdrängt wird.

Jesus sagt uns: Wer auf seine Worte, wer auf Gottes Wort hört, der hat ein gutes Fundament! Er bekommt neuen Glauben und neue Hoffnung! Glauben und Hoffnung brauchen wir, wenn uns die Stürme der Zeit packen und umstoßen wollen. Die Konfirmanden haben nicht schlecht gestaunt, als ich ihnen erzählt habe, das einmal das Brot in Deutschland drei Millionen Mark gekostet hat. Wie viele Sparguthaben hatten sich damals in nichts aufgelöst? Wie viele Leute hatten ihre Lebensplanung auf ihr Geld aufgebaut. Die meisten Menschen bauen auch heute ihr Lebenshaus auf Geld. Wie können wir aber so sicher sein, dass nicht doch einmal eine neue Teuerung kommt?

Wir müssen damit rechnen, dass wir kritischen Zeiten entgegen gehen. Da ist es wichtig, die eigentliche Botschaft des Hesekiel zu hören: Gott will das Leben und nicht den Tod! Es ist niemals zu spät, sein Leben auf eine gute Grundlage zu stellen. Genau so wie die früheren Verdienste nach einem Fehltritt vergessen werden, so sollen auch Fehler und Irrtümer nach einem Neuanfang vergessen sein. Gott hat kein Interesse am Untergang einer irrenden Gesellschaft; Gott will, dass wir leben!

Als einzelne Personen und auch als eine ganze Gesellschaft müssen wir uns neu den Lebensregeln Gottes zuwenden, damit wir sicher durch die künftigen Zeiten kommen. Weltreiche sind gekommen, Weltreiche sind wieder vergegangen. Bevor ein Weltreich zerstört wurde, war es meistens von innen an seiner Dekadenz verfault. Wir aber sollen nicht untergehen, wir sollen leben. Dazu helfe uns Gott!

Kanzelsegen! Amen

EINE PERSÖNLICHE BITTE
 

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