Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis, dem 9. Juni 1966 in Lima / Perú über Deuteromium / 5. Mose 4-9

Kanzelgruß! Liebe Gemeinde!
Ein alter Pastor erzählte mir vor einigen Jahren aus seiner Kriegszeit. Er war damals Soldat in der deut-schen Wehrmacht und war im Herbst 1941 in einem Lazarett etwa 100 km von der russischen Front tätig, als er dort einen jungen Soldaten kennenlernte, der ihm einen völlig verstörten Eindruck machte. Er hatte schwere Verletzungen erlitten, ein Wunder, daß er noch lebte. Langsam entwickelte sich eine Beziehung zwischen dem Pfleger und seinem Patienten. Erst nach etwa zwei Wochen offenbarte der Sanitätssoldat sei-nen eigentlichen zivilen Beruf. Der junge Soldat sagte zu ihm: „Wenn Sie Pastor sind, dann habe ich Ihnen etwas sehr schlimmes zu sagen. Haben Sie heute a-bend Zeit? Wo kann ich Sie einmal allein sprechen.“  Der Pastor bat einen der Ärzte, ihm am Abend sein Dienstzimmer zur Verfügung zu stellen. Unter einem Vorwand wurde der Patient abends aus dem Schlaf-saal gerollt und in das Ärztezimmer gebracht. Nach langem Schweigen begann er unter Tränen seine Beichte.
Was war geschehen? Ihre Truppe war von Partisanen mehrmals aus dem Hinterhalt angegriffen worden. Von den Offizieren wurde der Befehl gegeben, die Umgebung zu durchkämmen und jeden Widerstand zu brechen. So kamen sie in ein Dorf, in welchem vie-le Juden lebten. Der Kompanieführer, ein fanatischer Nationalsozialist, befahl die Juden, sich in ihrer Syn-agoge zu versammeln. Überallhin wurde Benzin aus-geschüttet. Die versammelten Juden leisteten keinen Widerstand, stumm sahen sie den Vorbereitungen zu ihrer Ermordung zu. Als dann  die Türen verschlossen wurden, fingen sie an zu beten. „Was haben sie denn gebetet?“, fragte der Pastor. - Der junge Soldat ent-gegnete: „Ich weiß es nicht, aber als es anfing zu brennen, hörte man draußen Schreie wie SCHMA und ECHAD. Jede Nacht höre ich diese Schreie mit die-sem SCHMA und ECHAD. Es wie ein Fluch, sie ha-ben uns verflucht! Das muß ein magischer Fluch oder so etwas gewesen sein.“  Der Pastor überlegte: „SCHMA und ECHAD, was kann das bedeuten?“ Da fiel es ihm wieder ein. Natürlich, in seiner Sprachprü-fung für Hebräisch zu Beginn seiner Studienzeit hatte man ihm doch diesen Text vorgelegt: „Schma Israel, adonaj eloheinu adonaj echad.“ - Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.  ---
Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR al-lein. Nicht mit einem Fluch, sondern mit einem Be-kenntnis zum Gott Israels waren die Juden in dieser brennenden Synagoge gestorben.  Es ist das wichtigste Glaubensbekenntnis Israels. Es ist der Wunsch eines jeden frommen Juden, diesen Satz im Augenblick des Todes sagen zu können. Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Es war also keine Ver-fluchung der Mörder, die ja fast alle einmal in einer evangelischen oder katholischen Kirche in Deutsch-land getauft worden waren.  --
Wie nun  der Pastor nun dem jungen Soldaten diesen Sachverhalt erklärte, meinte dieser: „Eigentlich macht das die Sache noch schlimmer! Diese waren nicht die Partisanen, die wir gesucht haben. Die hätten doch ei-ner Fliege nichts zuleide getan. Warum bloß das gan-ze Töten? Wie soll das noch weitergehen?“
--  Der alte Pastor erzählte mir, daß er sich nie so hilf-los gefühlt habe, wie an diesem Abend. Ihm sei mit einem Augenblick das Ausmaß des Verbrechertums des Nationalsozialismus deutlich geworden. Er sah auch die doppelte Gefahr, in welcher der junge Soldat steckte: an der Last des Gewissens zu zerbrechen oder von der Gestapo wegen seines Berichts verfolgt zu werden. Spitzel gab es überall. Der junge Soldat wur-de nach zwei Monaten aus dem Lazarett nachhause entlassen. Später ist er dann gefallen. Der Sanitätssol-dat hörte von nun an besonders aufmerksam hin, wenn solche merkwürdigen Dinge aus den Gebieten an und hinter der Front berichtet wurden. Die Verbrennung der Juden in ihrer Synagoge schien kein Einzelfall zu sein. Immer wieder drangen die schlimmsten Gerüchte an sein Ohr. Nun war er es, der nachts oft nicht einschlafen konnte.
„Schma Israel, adonaj eloheinu adonaj echad.“ - Hö-re, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR al-lein. In den Gaskammern von Auschwitz, Maidanek, Treblinka und anderswo wie auch auf den Scheiter-haufen zur Zeit der angeblich so heiligen Inquisition haben fromme Juden ihr Glaubensbekenntnis in der Stunde des gewaltsamen Todes gesprochen. Dieses Glaubensbekenntnis ist nun der uns vorgeschriebene Predigttext an diesem Sonntag:  Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von gan-zem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und  sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du  sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,  und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.
Glaube und Liebe zu Gott liegen eng, sehr eng beiein-ander! Der fromme Jude weiß sich im Augenblick seines schlimmen Todes mit seinem liebenden Gott vereint. Es ist schwer nachzuvollziehen. Der junge Soldat hat es nicht begreifen können, warum die Gläubigen  trotz ihrer Todesangst weder Gott und den Menschen  fluchten, sondern ihren Glauben und ihre Liebe zu Gott bekannten. Wir Christen können nur uns nur tief davor verneigen, wie  sich diese verfolg-ten und geplagten Menschen,  meistens von getauften Christen verfolgt, im Augenblick des Todes Gott zu-wandten. So konnten nur Menschen sterben, die ihr ganzes Leben Gott gewidmet hatten.
Glaube und Liebe zu Gott liegen eng, sehr eng beiein-ander! Glaube ist zunächst einmal eine Liebesbezie-hung mit Gott. Dogmen, Doktrinen, theologische Ab-handlungen, kirchliche Traditionen: all das ist absolut unwichtig verglichen mit der Gottesliebe.
Gewissermaßen ist der heutige Predigttext eine Ant-wort auf den des letzten Sonntages. Ging es vor einer Woche um die Dreieinigkeit Gottes, nämlich darum daß sich Gott den Menschen in vielerlei Weise zu-wendet, so geht es heute um die Antwort des Men-schen: wie können und sollen sich Menschen Gott zuwenden. In unendlich vielerlei Weise zeigt Gott den Menschen seine Liebe. Manchmal ist Gottes Liebe im Leid verborgen, wie es die jüdische Geschichte durch zwei Jahrtausende zeigt. Und so darf  Gott nicht mehr und nicht weniger als die ganze Liebe des Menschen erwarten: Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb-haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Es geht um den ganzen Men-schen, um seine ganze Zeit, um sein ganzes Denken und Fühlen. Wenn ich ein Kind taufe, mache ich als erstes zu Beginn der Taufliturgie ein Kreuzeszeichen: an der Stirn und an der Brust. Mit seinem ganzen Denken und Fühlen soll der Täufling zu Jesus Chris-tus gehören.
Da kommt ein junger Mann zu Jesus. Er hat schon viel von ihm gehört; nun möchte auch er dabeisein. Vor allem geht es ihm um seine Seligkeit: „Was kann ich tun, damit ich ewig lebe und in den Himmel komme?“  Jesus schaut ihn sich an. und sagt: „Du kennst doch die Zehn Gebote?“  Der junge Mann antwortet: „Ja, die Gebote habe ich immer gehalten.“ Der junge Mann macht wirklich einen sehr netten und sympathischen Eindruck. Schließlich sagt Jesus zu ihm:  „Gut! Zwei Dinge fehlen dir noch, damit du e-wig leben kannst:  verkaufe alles, was du hast und gib es den Armen. Und dann: komm und folge mir nach!“ Der junge Mann hat wohl eine ganz andere Antwort erwartet, jedenfalls sieht er nun ganz traurig aus, er dreht sich um und geht davon, denn, so betont es Lu-kas, er war sehr reich!  „Ja!“, sagt Jesus zu seinen Jüngern. „Da seht ihr’s: es kommt leichter ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel!“  Auf die erschrockene Frage der Jünger, ob denn dann überhaupt jemand in den Himmel kommen könne, antwortet Jesus etwas rätselhaft: „Bei Gott ist nichts unmöglich!“ (nach Lukas 18,18-27)
Als der Offizier aus dem deutschen Widerstand gegen Hitler, James Graf Moltke, ein gläubiger Christ, nach dem 20. Juli 1944 vor dem Volksgerichtshof stand, sagte der berüchtigte Blutrichter Roland Freisler zu ihm: „Das Christentum und der Nationalsozialismus haben eins gemeinsam: sie wollen den ganzen Men-schen!“  Das ist richtig: Gott will den ganzen Men-schen, seine ganze Liebe mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit aller Kraft. Da gibt es keinen faulen Kompromisse.
Gott will den ganzen Menschen. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen neh-men und  sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder auf-stehst. Und du  sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwi-schen deinen Augen sein,  und du sollst sie schrei-ben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore. Ich will hier nicht auf die jüdische Gebetspraxis ein-gehen, wonach sich der fromme Jude den Gebietsrie-men wie den hebräischen Buchstaben w (schin) für Schalom um die Finger wickelt, sich ein Kästchen mit Bibelsprüchen an die Stirn bindet und sich eine Kap-sel mit Segenssprüchen an die Wohnungstür befestigt. Wichtiger ist es, daß wir Gottes lebendiges Wort uns zu Herzen nehmen und uns ins Herz schreiben lassen. Menschen, die mir lieb sind, liebe ich ja auch nicht nur sonntags für eine Stunde, sondern gerade auch im Alltag, dann wenn es darauf ankommt! Das Gleiche gilt für die Liebe Gottes! Gott braucht unsere Liebe nicht, aber er will eine lebendige Glaubens und Lie-besbeziehung mit uns haben, damit wir leben. Diese Beziehung schließt den Mitmenschen mit ein.
Jesus sagt es so: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt*«  Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«  In diesen beiden Geboten ist das ganze Gesetz und die Botschaft der Propheten enthalten. (Matthäus 22,37-40)

Kanzelsegen! Amen!

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