Kanzelgruß! Liebe Gemeinde!
Ein alter Pastor erzählte mir vor einigen Jahren aus seiner Kriegszeit.
Er war damals Soldat in der deut-schen Wehrmacht und war im Herbst 1941
in einem Lazarett etwa 100 km von der russischen Front tätig, als
er dort einen jungen Soldaten kennenlernte, der ihm einen völlig verstörten
Eindruck machte. Er hatte schwere Verletzungen erlitten, ein Wunder, daß
er noch lebte. Langsam entwickelte sich eine Beziehung zwischen dem Pfleger
und seinem Patienten. Erst nach etwa zwei Wochen offenbarte der Sanitätssoldat
sei-nen eigentlichen zivilen Beruf. Der junge Soldat sagte zu ihm: „Wenn
Sie Pastor sind, dann habe ich Ihnen etwas sehr schlimmes zu sagen. Haben
Sie heute a-bend Zeit? Wo kann ich Sie einmal allein sprechen.“ Der
Pastor bat einen der Ärzte, ihm am Abend sein Dienstzimmer zur Verfügung
zu stellen. Unter einem Vorwand wurde der Patient abends aus dem Schlaf-saal
gerollt und in das Ärztezimmer gebracht. Nach langem Schweigen begann
er unter Tränen seine Beichte.
Was war geschehen? Ihre Truppe war von Partisanen mehrmals aus dem
Hinterhalt angegriffen worden. Von den Offizieren wurde der Befehl gegeben,
die Umgebung zu durchkämmen und jeden Widerstand zu brechen. So kamen
sie in ein Dorf, in welchem vie-le Juden lebten. Der Kompanieführer,
ein fanatischer Nationalsozialist, befahl die Juden, sich in ihrer Syn-agoge
zu versammeln. Überallhin wurde Benzin aus-geschüttet. Die versammelten
Juden leisteten keinen Widerstand, stumm sahen sie den Vorbereitungen zu
ihrer Ermordung zu. Als dann die Türen verschlossen wurden,
fingen sie an zu beten. „Was haben sie denn gebetet?“, fragte der Pastor.
- Der junge Soldat ent-gegnete: „Ich weiß es nicht, aber als es anfing
zu brennen, hörte man draußen Schreie wie SCHMA und ECHAD. Jede
Nacht höre ich diese Schreie mit die-sem SCHMA und ECHAD. Es wie ein
Fluch, sie ha-ben uns verflucht! Das muß ein magischer Fluch oder
so etwas gewesen sein.“ Der Pastor überlegte: „SCHMA und ECHAD,
was kann das bedeuten?“ Da fiel es ihm wieder ein. Natürlich, in seiner
Sprachprü-fung für Hebräisch zu Beginn seiner Studienzeit
hatte man ihm doch diesen Text vorgelegt: „Schma Israel, adonaj eloheinu
adonaj echad.“ - Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.
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Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR al-lein. Nicht
mit einem Fluch, sondern mit einem Be-kenntnis zum Gott Israels waren die
Juden in dieser brennenden Synagoge gestorben. Es ist das wichtigste
Glaubensbekenntnis Israels. Es ist der Wunsch eines jeden frommen Juden,
diesen Satz im Augenblick des Todes sagen zu können. Höre, Israel,
der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Es war also keine Ver-fluchung
der Mörder, die ja fast alle einmal in einer evangelischen oder katholischen
Kirche in Deutsch-land getauft worden waren. --
Wie nun der Pastor nun dem jungen Soldaten diesen Sachverhalt
erklärte, meinte dieser: „Eigentlich macht das die Sache noch schlimmer!
Diese waren nicht die Partisanen, die wir gesucht haben. Die hätten
doch ei-ner Fliege nichts zuleide getan. Warum bloß das gan-ze Töten?
Wie soll das noch weitergehen?“
-- Der alte Pastor erzählte mir, daß er sich nie so
hilf-los gefühlt habe, wie an diesem Abend. Ihm sei mit einem Augenblick
das Ausmaß des Verbrechertums des Nationalsozialismus deutlich geworden.
Er sah auch die doppelte Gefahr, in welcher der junge Soldat steckte: an
der Last des Gewissens zu zerbrechen oder von der Gestapo wegen seines
Berichts verfolgt zu werden. Spitzel gab es überall. Der junge Soldat
wur-de nach zwei Monaten aus dem Lazarett nachhause entlassen. Später
ist er dann gefallen. Der Sanitätssol-dat hörte von nun an besonders
aufmerksam hin, wenn solche merkwürdigen Dinge aus den Gebieten an
und hinter der Front berichtet wurden. Die Verbrennung der Juden in ihrer
Synagoge schien kein Einzelfall zu sein. Immer wieder drangen die schlimmsten
Gerüchte an sein Ohr. Nun war er es, der nachts oft nicht einschlafen
konnte.
„Schma Israel, adonaj eloheinu adonaj echad.“ - Hö-re, Israel,
der HERR ist unser Gott, der HERR al-lein. In den Gaskammern von Auschwitz,
Maidanek, Treblinka und anderswo wie auch auf den Scheiter-haufen zur Zeit
der angeblich so heiligen Inquisition haben fromme Juden ihr Glaubensbekenntnis
in der Stunde des gewaltsamen Todes gesprochen. Dieses Glaubensbekenntnis
ist nun der uns vorgeschriebene Predigttext an diesem Sonntag: Höre,
Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN,
deinen Gott, liebhaben von gan-zem Herzen, von ganzer Seele und mit all
deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu
Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und
davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du
dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen
auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen
sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und
an die Tore.
Glaube und Liebe zu Gott liegen eng, sehr eng beiein-ander! Der fromme
Jude weiß sich im Augenblick seines schlimmen Todes mit seinem liebenden
Gott vereint. Es ist schwer nachzuvollziehen. Der junge Soldat hat es nicht
begreifen können, warum die Gläubigen trotz ihrer Todesangst
weder Gott und den Menschen fluchten, sondern ihren Glauben und ihre
Liebe zu Gott bekannten. Wir Christen können nur uns nur tief davor
verneigen, wie sich diese verfolg-ten und geplagten Menschen,
meistens von getauften Christen verfolgt, im Augenblick des Todes Gott
zu-wandten. So konnten nur Menschen sterben, die ihr ganzes Leben Gott
gewidmet hatten.
Glaube und Liebe zu Gott liegen eng, sehr eng beiein-ander! Glaube
ist zunächst einmal eine Liebesbezie-hung mit Gott. Dogmen, Doktrinen,
theologische Ab-handlungen, kirchliche Traditionen: all das ist absolut
unwichtig verglichen mit der Gottesliebe.
Gewissermaßen ist der heutige Predigttext eine Ant-wort auf den
des letzten Sonntages. Ging es vor einer Woche um die Dreieinigkeit Gottes,
nämlich darum daß sich Gott den Menschen in vielerlei Weise
zu-wendet, so geht es heute um die Antwort des Men-schen: wie können
und sollen sich Menschen Gott zuwenden. In unendlich vielerlei Weise zeigt
Gott den Menschen seine Liebe. Manchmal ist Gottes Liebe im Leid verborgen,
wie es die jüdische Geschichte durch zwei Jahrtausende zeigt. Und
so darf Gott nicht mehr und nicht weniger als die ganze Liebe des
Menschen erwarten: Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb-haben von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Es geht um den ganzen
Men-schen, um seine ganze Zeit, um sein ganzes Denken und Fühlen.
Wenn ich ein Kind taufe, mache ich als erstes zu Beginn der Taufliturgie
ein Kreuzeszeichen: an der Stirn und an der Brust. Mit seinem ganzen Denken
und Fühlen soll der Täufling zu Jesus Chris-tus gehören.
Da kommt ein junger Mann zu Jesus. Er hat schon viel von ihm gehört;
nun möchte auch er dabeisein. Vor allem geht es ihm um seine Seligkeit:
„Was kann ich tun, damit ich ewig lebe und in den Himmel komme?“
Jesus schaut ihn sich an. und sagt: „Du kennst doch die Zehn Gebote?“
Der junge Mann antwortet: „Ja, die Gebote habe ich immer gehalten.“ Der
junge Mann macht wirklich einen sehr netten und sympathischen Eindruck.
Schließlich sagt Jesus zu ihm: „Gut! Zwei Dinge fehlen dir
noch, damit du e-wig leben kannst: verkaufe alles, was du hast und
gib es den Armen. Und dann: komm und folge mir nach!“ Der junge Mann hat
wohl eine ganz andere Antwort erwartet, jedenfalls sieht er nun ganz traurig
aus, er dreht sich um und geht davon, denn, so betont es Lu-kas, er war
sehr reich! „Ja!“, sagt Jesus zu seinen Jüngern. „Da seht ihr’s:
es kommt leichter ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in
den Himmel!“ Auf die erschrockene Frage der Jünger, ob denn
dann überhaupt jemand in den Himmel kommen könne, antwortet Jesus
etwas rätselhaft: „Bei Gott ist nichts unmöglich!“ (nach Lukas
18,18-27)
Als der Offizier aus dem deutschen Widerstand gegen Hitler, James Graf
Moltke, ein gläubiger Christ, nach dem 20. Juli 1944 vor dem Volksgerichtshof
stand, sagte der berüchtigte Blutrichter Roland Freisler zu ihm: „Das
Christentum und der Nationalsozialismus haben eins gemeinsam: sie wollen
den ganzen Men-schen!“ Das ist richtig: Gott will den ganzen Men-schen,
seine ganze Liebe mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit aller Kraft.
Da gibt es keinen faulen Kompromisse.
Gott will den ganzen Menschen. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete,
sollst du zu Herzen neh-men und sollst sie deinen Kindern einschärfen
und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn
du dich niederlegst oder auf-stehst. Und du sollst sie binden zum
Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwi-schen deinen
Augen sein, und du sollst sie schrei-ben auf die Pfosten deines Hauses
und an die Tore. Ich will hier nicht auf die jüdische Gebetspraxis
ein-gehen, wonach sich der fromme Jude den Gebietsrie-men wie den hebräischen
Buchstaben w (schin) für Schalom um die Finger wickelt, sich ein Kästchen
mit Bibelsprüchen an die Stirn bindet und sich eine Kap-sel mit Segenssprüchen
an die Wohnungstür befestigt. Wichtiger ist es, daß wir Gottes
lebendiges Wort uns zu Herzen nehmen und uns ins Herz schreiben lassen.
Menschen, die mir lieb sind, liebe ich ja auch nicht nur sonntags für
eine Stunde, sondern gerade auch im Alltag, dann wenn es darauf ankommt!
Das Gleiche gilt für die Liebe Gottes! Gott braucht unsere Liebe nicht,
aber er will eine lebendige Glaubens und Lie-besbeziehung mit uns haben,
damit wir leben. Diese Beziehung schließt den Mitmenschen mit ein.
Jesus sagt es so: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von
ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt*«
Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber
ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«
In diesen beiden Geboten ist das ganze Gesetz und die Botschaft der Propheten
enthalten. (Matthäus 22,37-40)
Kanzelsegen! Amen!
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