Predigt über 1. Könige 8, 22-28 am  Himmelfahrtstag 1999 in der Burgruine Sichelnstein

Kanzelgruß
Predigttext: Salomo stellte sich vor dem Altar des HERRN gegenüber der ganzen Versammlung von Israel. Er breitete seine offenen Hände zum Himmel aus. Er sprach: „HERR, du Gott Israels! Es gibt keinen Gott wie du: weder oben im Himmel noch unten auf Erden! Kein Gott achtet wie du den Bund und die Treue gegenüber deinen Dienern. Mit ganzem Herzen kommen sie vor dein Angesicht! Den Bund und die Treue gegenüber deinem Knecht David, meinem Vater, hast du beachtet. So hattest du ihm versprochen. Wie du mit deinem Mund gesprochen hattest, so hat deine Hand es heute erfüllt! Und jetzt HERR, du Gott Israels, beachte, was du deinem Diener David, meinem Vater, versprochen hast: ´Es wird kein Mann aus deiner Nachkommenschaft fehlen, der auf dem Thron Israels sitzt. Deine Söhne sollen nur darauf achten, daß sie auf den (gleichen) Wegen vor mir gehen, auf welchen du vor mir gegangen bist!`  Und jetzt laß wahr werden, was du deinem Diener David, meinem Vater,  versprochen hast!
Wohnt Gott wirklich auf der Erde? Ach, die Himmel und die Himmel der Himmel können dich nicht umfassen! So kann auch niemals dieses Haus dich umfassen, das ich dir gebaut habe. Wende dein Angesicht dem Beten  deines Knechtes und seinem Flehen zu, HERR, du Gott Israels, damit du das Schreien und das Gebet hörst, welches dein Diener vor dich heute bringt.“

Liebe Gemeinde!
Politik ist ein schmutziges Geschäft! Das wissen wir alle nur zu gut. Besonders schlimm ist es, wenn mit der Religion oder mit religiösen Gefühlen Geschäfte gemacht werden. „Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes nicht unnützlich führen!“ So lautet das zweite Gebot. Nicht zufällig steht dieses Gebot an zweiter Stelle. Zu allen Zeiten wurde die Religion zu politschen  Zwecken mißbraucht. Heute erleben wir, wie im Orient verschlagene Politiker die religiösen Gefühle der Moslems und der Juden mißbrauchen, um die Kriegsstimmung anzuheizen. Eine serbische Kirche läßt sich für nationale Gefühle mißbrauchen. Der Westen entdeckt die moralischen Menschenrechte, für die er anderswo keine Bomben geworfen hatte. „Du sollst den Namen des HERRN deines Gottes nicht unnützlich führen, denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht!“
Es hat schon mit Politik zu tun, wenn ein Politiker eine große Kirche oder einen Tempel baut! In Lima und in Mexiko sind der Palast des spanischen Vizekönigs und die Kathedrale wunderbar nebeneinander gelegen! Der Staatsgründer des neuen Reiches, der König David wollte auch schon in der Nähe seines Palastes einen schönen Tempel bauen. Doch es gab noch zuviel Widerstand. Und damals fand sich ein mutiger Prophet, der David im Namen Gottes ins Gewissen sprach. Sein Sohn Salomo war da weniger zimperlich. Er hatte Beziehungen in alle Welt. Überall hatten die Herrscher einen Tempel, in denen der Staatsgott und sie selbst verehrt wurden. Dank seiner diplomatischen Beziehungen kann er überall edelstes Baumaterial zusammenkaufen. Um die Bevölkerung zu kontrollieren, baut er eine Festung nach der anderen. Ein imposantes Bauwerk entsteht da in Jerusalem! Großartig anzusehen! Etwa 900 Jahre später wird der König Herodes den Zweiten Tempel an gleicher Stelle bauen lassen. Auch so ein großes Bauwerk zur Ehre Gottes und zur Ehre des Tyrannen!
Das Johannesevangelium erzählt, wie die Politiker des Hohen Rates zu Jerusalem beschließen, Jesus zu töten. Und da hat einer einen Lichtblick. Er meint es zwar böse, doch seine Aussage ist gut: „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als daß das ganze Volk zugrunde geht.“ Und Johannes kommentiert es so: „Das sagte er nicht aus sich heraus, sondern .. aus prophetischer Eingebung.“
Dieser geschickte und verschlagene Machtpolitiker, der König Salomo, ist nun endlich am Ziel. Das Volk hat er unter Kontrolle gebracht, nun will er auch die Religion unter Kontrolle bringen. Doch da meldet sich auch bei ihm die Stimme seines Gewissens. Auch er hat eine prophetische Eingebung: „Kann ich Gott denn wirklich in diesen Goldenen Käfig eines Tempels einsperren? Es gibt keinen Gott wie du: weder oben im Himmel noch unten auf Erden! ... Wohnt Gott wirklich auf der Erde? Ach, die Himmel und die Himmel der Himmel können dich nicht umfassen!“ Der weise König Salomo ist weise genug, um zu erkennen, daß alles menschliche Wollen seine Grenzen hat. Wir Menschen können nicht über Gott verfügen! Wir können Gott nicht in einen Goldenen Käfig einsperren und dann tun und lassen, was wir wollen. Wir können Gott auch nicht für unsere Interessen mißbrauchen.
Wir feiern heute Himmelfahrt! Diese Burgruine Sichelnstein hat eine lange Geschichte hinter sich. Diese Ruine lehrt uns, daß alles seine Grenzen hat und vergänglich ist! Wir feiern unter freiem Himmel. Der freie Himmel ist auch ein heiliges Gotteshaus. Gott ist überall zuhause: In unseren Kirchen und überall im Himmel und auf der Erde. Wichtig ist, daß er auch in unseren Häusern und in unseren Herzen zuhause ist.
Wir feiern Himmelfahrt! Himmelfahrt und Weihnachten sind eigentlich dasselbe: beide Male sprengt Gott die Grenzen. Weihnachten kommt Gott zu den Menschen, indem er ein Mensch wird. Weihnachten singen wir: „Es ist ein Ros` entsprungen“. Wir singen in diesem Lied: „Wahrer Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd` und Tod.“  Nicht weit von hier liegt das Städtchen Uslar. In der dortigen Kirche befindet sich ein großartiges Altarbild aus dem 16. Jahrhundert. Es ist sehr kostbar: Holzschnitzereien mit sehr viel Blattgold und vielen Farben. Es zeigt Szenen aus dem Leben Jesu: von Weihnachten bis hin zur Himmelfahrt Jesu. In diesem Altarbild ist ein Material verarbeitet, welches nur bei zwei Szenen vorkommt. Es ist ein grünlicher Stein, während ja sonst alles aus Holz oder Gold ist. Dieser grünliche Stein wird im Weihnachtsbild verwendet. Dort zeigt er die Grotte, welche den Stall von Bethlehem mit dem neugeborenen Christkind, der Heiligen Familie und den Tieren darstellt. Der gleiche grünliche Stein wird in der Himmelfahrtsszene verwendet.Er ist der Felsen, von welchen Jesus zum Himmel aufgefahren ist. Man sieht nur den grünlichen Felsen mit zwei Fußabdrucken und den nach oben schauenden und staunenden Jüngern. Damit wollte der Schöpfer etwas zum Ausdruck bringen: Weihnachten und Himmelfahrt haben sehr viel miteinander zu tun. Sie sind wie zwei Seiten einer Medaille. Weihnachten feiern wir die Ankunft des Heilandes in dieser Welt, die Menschwerdung Gottes. Mit Himmelfahrt feiern wir die Göttlichkeit Jesu Christi, unseres Herrn.
Weihnachten sprengt Gott die Dimensionen der geistlichen Welt. Er wird ein Mensch aus Fleisch und Blut. Gott ist auf Erden zuhause, besonders dort, wo Not und Elend sind. Himmelfahrt sprengt Gott die Dimensionen der irdischen Welt: Der wahre Mensch Jesus Christus ist auch der wahre Gott, der auch im Himmel zuhause ist.

Lukas berichtet, wie die Jünger nach oben schauen. Damit schauen sie auch über ihren eigenen Tellerrand hinweg! Das will uns heute das Fest von Himmelfahrt lehren: Auch wir sollen über unseren Tellerrand hinwegblicken. Dann werden wir überall die Spuren Gottes entdecken: in der schönen Natur, auf den Gesichtern unserer Mitmenschen und hoffentlich auch in unseren Herzen. Gott ist eben überall zuhause! Der gleiche Gott, der im Himmel wohnt und das Universum beherrscht, will auch in unseren Herzen wohnen und unsere Gedanken und Wege lenken. Wir feiern Himmelfahrt, weil Jesus eben nicht nur im Himmel, sondern überall ist. Er will bei uns bleiben, bis an der Welt Ende!

Kanzelsegen! Amen

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